{"id":799,"date":"2017-06-12T10:41:00","date_gmt":"2017-06-12T08:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/lab.bfgf.de\/?p=799"},"modified":"2023-09-22T14:58:04","modified_gmt":"2023-09-22T12:58:04","slug":"interview-von-britta-stammeier-mit-eric-pfromm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bfgf.de\/en\/interview-von-britta-stammeier-mit-eric-pfromm\/","title":{"rendered":"Interview by Britta Stammeier with Eric Pfromm"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieses Interview f\u00fchrte die Designerin Britta Stammeier, f\u00fcr ihre Master-Arbeit an der FH Salzburg zum Thema &#8222;Denkhaltungen im Design und systembasierte Produktentwicklung am Beispiel eines Schuhkonzeptes&#8220;. Die Arbeit wurde im <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/bestmasters\/4292184\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>BestMasters Programm 2018<\/strong><\/a> des Springer Verlags aufgenommen und ist bald als Print sowie Online Version erh\u00e4ltlich. Derzeit ist Britta beruflich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr diesen Post wurde das Interview gek\u00fcrzt und im Dienste der\u00a0besseren Lesbarkeit bearbeitet.<\/em><\/p>\n<p><b>Britta<\/b> <b>Stammeier: Zu Anfang w\u00fcrde ich dich bitten, dass du dich einmal ganz kurz vorstellst und mir erz\u00e4hlst woran du gerade\u00a0arbeitest.<\/b><\/p>\n<p>Eric<b> <\/b>Pfromm: Mein Name ist Eric Pfromm. Ich bin einer von vier Partnern der BFGF DESIGN STUDIOS.<\/p>\n<p>Wir haben unser B\u00fcro in Hamburg. Derzeit besch\u00e4ftigen wir zwei Mitarbeiter.innen, freie Mitarbeiter.innen\u00a0eher selten. Wir haben immer wieder Praktikant.innen, oft auch aus dem Ausland. Zurzeit haben wir eine Praktikantin aus China.<br \/>\nWir arbeiten haupts\u00e4chlich in Hamburg und machen vor allem Interior Design: B\u00fcros, Agenturen; auch Lokale, Kneipen, Clubs und in den letzten Jahren\u00a0sind einige Ausstellungen dazu gekommen.<\/p>\n<p>Seit jeher sind wir sehr stark darauf fokussiert, als Industrie- und Produktdesigner Interior Design \u2013abgesehen vom Konzeptionellen\u2013 \u00fcber den Entwurf von Kleinserien in den Griff zu kriegen. Das unterscheidet uns, glaube ich, stark von B\u00fcros, die mehr von zugekauften Produkten und L\u00f6sungen leben. Wir entwickeln sehr viel selber und lassen es gegebenenfalls produzieren.<\/p>\n<p>Mein Compagnon Christian Sch\u00fcten und ich besch\u00e4ftigen und seit einigen Jahren mit \u201aCradle to Cradle\u2019, zusammen mit Carsten Buck von der Hamburger Agentur Mutter. Seit ein paar Jahren sind wir zertifizierte \u201aCradle to Cradle Design Consultants&#8216;. Und bis heute absolut begeistert von dem Konzept. Das Konzept ist dir ja bekannt, deshalb sprechen wir jetzt.<\/p>\n<p>Wir haben uns da mit sehr viel Engagement hineinbegeben, wollten gerne Projekte realisieren. Um uns das in der Umsetzung zu erschlie\u00dfen haben wir eigene Studien gemacht. Mit der Agentur Mutter haben wir den \u201aMilk Tumbler\u2018 entwickelt, f\u00fcr eine kleine Genossenschaft, die hier Milch produziert. Und wir hatten einen Kooperationsvertrag mit der EPEA \u2013das ist die Firma von Michael Braungart\u2013 als deren Designpartner. Im Zuge dieser Partnerschaft haben wir uns mit einigen Unternehmen getroffen, die im \u201aCradle to Cradle\u2019-Bereich bei der EPEA vorstellig geworden waren. Einige kooperierten sie bereits mit der EPEA, andere haben dr\u00fcber nachgedacht. Durch diese Zusammenarbeit haben wir von den BFGF DESIGN STUDIOS einen ziemlcih guten Einblick in das Potential von &#8218;Cradle to Cradle\u2019 bekommen, aber auch in die Probleme.<\/p>\n<p>In der Folge haben wir viele sehr sch\u00f6ne Workshops an Designfakult\u00e4ten gegeben. Das waren Vier-Tages-Wokshops: \u201aCradle to Cradle\u2018 aus Designerperspektive. Da sind wir ordentlich unterwegs gewesen: M\u00fcnster, Karlsruhe, Kassel, Braunschweig und M\u00fcnchen. Das war eine tolle und spannende Erfahrung.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Woran glaubst du, liegt es, dass man mit Cradle to Cradle noch nicht so viel Geld verdienen kann?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Das ist die Kernfrage, die uns alle besch\u00e4ftigt. Lass mich \u00fcberlegen, wie ich es formuliere. Es hat einerseits mit den Dimensionen zu tun und andererseits mit den Mentalit\u00e4ten der Akteur.innen. Das mit den Mentalit\u00e4ten ist besonders interessant.<\/p>\n<p>Also mit den Dimensionen ist klar: wenn du Cradle to Cradle umsetzten willst, brauchst du einen umfassenden Ansatz. Es reicht ehrlich gesagt nicht, zu sagen: \u201eJa, ich gucke mal woher meine Materialien kommen und lass mir die zertifizieren und dann bin ich fein raus\u201c. Im Grunde genommen musst du schon zusehen, dass du eine R\u00fccknahmelogistik entwickelst; entweder eine eigene oder eine gemeinschaftliche. Oder du hast ein Produkt, das auf eine bestehende R\u00fccknahmelogistik zugreifen kann. Aber ohne die R\u00fccknahmelogistik ist das System nicht so richtig rund, das Kreislaufsystem. Das wirkt auf Kund.innen, die auf keine bestehende R\u00fccknahmelogistik zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, leider oft abschreckend.<\/p>\n<p>F\u00fcr kleine Firmen ist das ein riesengro\u00dfe Herausforderung so eine Entwicklung zu machen; auch weil es relativ teuer ist. Man muss sich das leisten k\u00f6nnen, man muss bereit sein, alles zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend gro\u00dfe Firmen \u2013die ja teilweise bereits C2C machen\u2013 ganz andere Probleme haben. Sie machen das ja meistens auf einem Nebengleis. Das hei\u00dft, sie behalten ihr Produkt-Portfolio bei und machen eine zus\u00e4tzliche Cradle to Cradle-Produktlinie. Das ist bei Puma so, das ist bei Nestl\u00e9 so. Du kannst die Liste der Cradle to Cradle Firmen durchgehen, das ist relativ fl\u00e4chendeckend so. Das f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu einem absurden Problem. Wenn du sagst: \u201eIch habe eine Vielzahl an Produkten und dieses eine Cradle to Cradle-Produkt, das ist \u2026\u201c Ja, was? Wie willst du denn das kommunizieren an den Kunden, an den Markt? Denn eigentlich ist ja der Witz an Cradle to Cradle \u2013vor allem, wenn man mit Braungart spricht\u2013 dass nur dieses eine Cradle to Cradle Produkt richtig, heilsam, f\u00f6rderlich und unsch\u00e4dlich ist. Das hei\u00dft, der ganze Rest ist sch\u00e4dlich. Und das ist f\u00fcr eine Marke wie Puma kaum zu kommunizieren. Sie m\u00fcssten sagen: \u201eWir machen dieses Produkt das besser ist, als alle anderen Produkte, die wir machen.\u201c Das geht nat\u00fcrlich nicht. Das hei\u00dft, sie k\u00f6nnen ihre Cradle to Cradle-Produkte immer nur mit angezogener Handbremse vermarkten und das f\u00fchrt dazu, dass die Waren nicht so erfolgreich sind, wie sie sein k\u00f6nnten, wenn man mit Ihren Qualit\u00e4ten Werbung machen d\u00fcrfte. Es kommt deswegen sehr, sehr h\u00e4ufig vor, dass die Produkte nach kurzer Zeit eingestellt werden. Sie lassen sich in so einem Konzern einfach wirtschaftlich nicht abbilden.<\/p>\n<p>Das ist das eine Problem. Das andere Problem ist das mit der Mentalit\u00e4t. Die Akteur.innen im Bereich Nachhaltigkeit haben selten ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bedeutung von Design. Die kommen meistens aus einer ganz anderen Ecke, meist aus der Wissenschaft. Die halten Design f\u00fcr eine aufgesetzte, nachtr\u00e4gliche Nebens\u00e4chlichkeit, die notwendig sein mag, um das am Ende zu verkaufen, aber am eigentlichen Produkt nichts \u00e4ndert. Das ist ja ein klassisches Problem, das wir Designer.innen haben. Aber in vielen Wirtschafts-Bereichen ist das gar nicht mehr so schlimm. Da haben wir tats\u00e4chlich schon Vorurteile abgebaut. Aber in dem Bereich Nachhaltigkeit ist es noch ganz stark.\u00a0 Die sagen einerseits immer: \u201eDesign!\u201c, \u201eDas muss jetzt alles neu designt werden.\u201c und \u201eDesign rettet die Welt\u201c und \u201ewir sind ja selber Designer.innen, wir designen neue Konzepte und Produkte\u201c und so weiter und sofort. Der Designer oder die Designerin selbst aber, die sind dann Sch\u00f6nlinge die das Zeug attraktiv machen sollen, damit es auch jemand kauft.<\/p>\n<p>Das haben wir relativ drastisch bei der EPEA erfahren. Da begegnete uns die Ambivalenz zwischen der Bedeutung, die uns als Designer.innen zugemessen wurde (dass wir n\u00e4mlich total wichtig sind) und dem Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, was eigentlich unsere Aufgabe ist (nachtr\u00e4glich Schminken) in aller H\u00e4rte. Man hatte keine Idee davon, was wir leisten k\u00f6nnen und wie weit wir eigentlich im Boot sein m\u00fcssen, damit wir dieser Aufgabe gerecht werden k\u00f6nnen. Wir sind da relativ trocken verhungert.<\/p>\n<p>Es ist ja so, dass viele Designer.innen das Thema toll finden und sich da sehr engagieren. Aber das trifft eben nicht auf die Gegenliebe, die man br\u00e4uchte, um tats\u00e4chlich zu sagen: \u201eOk, wir brauchen das Design um diese Produkte durchzusetzen und nutzbar zu machen\u201c.\u00a0 Ich kann aus dem Stand einen Vortrag dr\u00fcber halten, dass das Design entscheidend daf\u00fcr ist, ein neues Produkt \u00fcberhaupt nutzbar zu machen; inwiefern das, was tats\u00e4chlich von Naturwissenschaftlern f\u00fcr nebens\u00e4chlich gehalten wird, in Wirklichkeit fundamental daf\u00fcr ist, dass ein Produkt \u00fcberhaupt verwendet. Das war jetzt eine kurze und ungerechte Zusammenfassung meiner Erfahrungen.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Wie w\u00fcrdest du deinen Designstil beschreiben?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Mein Designstil ist aufgabengetrieben. Ich brauche und liebe das Briefing. Ich brauche meine Kund.innen. Ich kann nur mit Kund.innen gemeinsam designen. Ich brauche die Kund.innen, die ihre W\u00fcnsche und Vorstellungen haben, an denen ich dann arbeiten kann. Daraus entwickele ich Entw\u00fcrfe, die dann meist \u00fcber das hinausgehen, was die Kund.innen erwartet haben. Manchmal gehen sie auch \u00fcber das hinaus, was sie ben\u00f6tigen. Es ist schon so, dass mein Designstil auch davon getragen ist, dass ich aus der Auseinandersetzung mit Design das Ungew\u00f6hnliche und konzeptionell Spannende umsetzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was beeinflusst dich gerade aktuell in deinem Design?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ehrlich gesagt besch\u00e4ftige ich mich gerade sehr stark mit Umsetzbarkeit. Es gab Zeiten, da war es mir nicht so wichtig, wie man etwas umsetzt. Ich habe Entw\u00fcrfe gemacht und nicht so sehr danach geguckt, wie es wirtschaftlich gebaut werden soll. Das haben wir dann sp\u00e4ter m\u00f6glich gemacht. Mit zunehmenden Alter fehlt mir die Kraft f\u00fcr diesen Umweg und ich stelle fest, dass ich sehr, sehr viel fr\u00fcher \u00fcber Realisierbarkeit nachdenke, als ich das fr\u00fcher getan habe.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Gibt es aktuell Ver\u00e4nderungen die du im Design wahrnehmen kannst?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Es gibt nat\u00fcrlich gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen im Design \u2013 weg vom Produktdesign hin zum Oberfl\u00e4chendesign. User Experience und all das. Tats\u00e4chlich ist die Frage zunehmend, inwiefern sich der Aufgabenbereich dessen ver\u00e4ndert, was wir fr\u00fcher f\u00fcr die Dom\u00e4ne des Produktdesigns gehalten haben, n\u00e4mlich die Nutzbarmachung von Ger\u00e4ten. Das verliert sich zunehmend aus dem formal dreidimensionalen hin in die zweidimensionale Oberfl\u00e4che. Das, was ich fr\u00fcher spannend fand;, das, von dem ich dachte, man m\u00fcsste es \u00fcber die Kn\u00f6pfe der Dinge in den Griff kriegen, das ist heute nat\u00fcrlich nicht mehr das Thema klassischer Produktdesigner. Welches Lochraster der Lautsprecher hat und welchen Knopf und welchen Schalter; das bewegt sich ja alles inzwischen im Grafischen. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Ich finde es unglaublich schade. F\u00fcr mich ist es aber nicht so dramatisch, weil ich meine gestalterische Nische gefunden habe und weiter arbeiten kann, wie ich es jetzt halt tue.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was ist deine Nische?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Meine Nische ist Interior Design, Produkte, Leuchten, M\u00f6bel, dieser Bereich. Also das, was wir bei BFGF machen.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Wie h\u00e4ltst du dich denn \u00fcber neue Entwicklungen auf dem Laufenden? Ist dir in letzter Zeit irgendwas aufgefallen was du besonders spannend fandest?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ich finde das Thema 3D-Creating extrem interessant, vor allen Dingen in der ganz heiklen Kombination mit Open Design; Open Source Design. Es ist schwierig f\u00fcr uns Designer, einen Umgang damit zu finden, glaube ich.\u00a0 Das Thema \u201eInternet of Things\u201c fasziniert mich, weil es auf der einen Seite so belanglos wirkt, aber doch das Potential hat, einschneidende Ver\u00e4nderungen vorzunehmen, die f\u00fcr uns als Designer wichtig sind. Es sind ja nun mal Things. Das hei\u00dft f\u00fcr uns Designer k\u00f6nnte das ein sehr interessantes Thema werden, wenn wir damit einen Umgang finden und jetzt halt\u2026 Es hat sich mir aber noch nicht so richtig erschlossen, inwiefern da wirklich etwas Interessantes hinter steckt.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Open Source sagt ja zum Beispiel, man produziert Produkte oder Baupl\u00e4ne, die man \u00f6ffentlich macht, damit sie nachgebaut werden k\u00f6nnen. Was glaubst du, hat das f\u00fcr einen Einfluss auf Design?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Bei uns rufen manchmal Leute an und sagen, sie m\u00fcssten ein Produkt entwerfen. Ob wir ihnen sagen k\u00f6nnten, welches Programm wir verwenden; dann k\u00f6nnten sie es ja selber machen. Ich sage denen nat\u00fcrlich gerne welches Programm ich verwende. Wenn sie k\u00f6nnen, sollen sie das gerne selber machen (lacht). Das ist ja im Kern Open Source Design.<\/p>\n<p>Ob das der Sache dient, da bin ich unsicher. Zum Beispiel, ist es mir sehr eindr\u00fccklich geworden, als ich Privat-H\u00e4user in Argentinien besucht habe. Die Besitzer.innen haben ihre H\u00e4user ohne Architekt.innen selber entwickelt und bauen lassen. Und mir wurde klar, wie sehr man einen Grundriss verhunzen kann, wenn man denkt das Wichtigste w\u00e4re, dass alle R\u00e4ume gro\u00df sind. Ich habe selten so\u2026 was hei\u00dft selten? Ich war auf jeden Fall beeindruckt davon, wie schlecht diese Grundrisse funktionieren. Das ist f\u00fcr mich ein gutes Beispiel. Ich glaube, dass wir Gestalter.innen etwas k\u00f6nnen und gelernt haben. Diejenigen von uns, die okay, gut oder noch besser sind, die k\u00f6nnen das sogar richtig gut. Wenn es bei Open Design um die v\u00f6llige Entspezialisierung von Design geht, dann glaube ich nicht das zu besseren Dingen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich am Ende die einfache Frage: Muss es Berufs-Designer.innen geben und wovon leben sie? Ich habe von den Open-Design-Vision\u00e4r.innen, die selbst Designer.innen sind keine \u00fcberzeugenden Antworten geh\u00f6rt. Zumindest keine von denen ich glaube, das es sie finanzieren kann. Ich hatte einmal eine ganz lustige Unterhaltung mit zwei Leuten, die sich beide sehr intensiv mit Open Design besch\u00e4ftigt haben. Ich stand auf einer Party bei ihnen und h\u00f6rte, wie sie sich dar\u00fcber beschwerten, dass alle sie immer fragen, wie man denn Geld verdiene mit Open Design. Trotzdem habe ich sie gefragt: \u201eJa, wie verdient ihr denn Geld mit Open Design?\u201c Da sagten sie: \u201eNaja, wir arbeiten an der Hochschule.\u201c Am Ende habe ich den Eindruck, Open Design ist ein akademisches Modell.<\/p>\n<p>Ich meine, dass es f\u00fcr uns Designer.innen schwierig ist, Gesch\u00e4ftsmodelle zu entwickeln, mit denen du deinen Lebensunterhalt verdienen kannst. Es gibt Konzepte, nach denen man als Berater.in hilft. Man l\u00e4sst die Leute selber gestalten und wenn sie das Gef\u00fchl haben, sie brauchen Hilfe, dann k\u00f6nnen sie auf den\/die Designer.in zugreifen. Die bekommen das auch bezahlt. Aber ich glaube nicht daran. Weder and das \u00dcberleben des\/der Designers\/Designerin, noch an die Qualit\u00e4t der so entstehenden Produkte.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Wo liegen dabei die Hindernisse wirklich?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Es erscheint mir so gut wie unm\u00f6glich, auf diese Weise Geld zu verdienen. Es ist ja f\u00fcr uns als professionelle Designer.innen schon schwierig Geld f\u00fcr Entw\u00fcrfe zu bekommen. Wenn von deiner Leistung nichts mehr \u00fcbrig bleibt, als ein Computerprogramm, vielleicht ein bisschen Erfahrung und schlie\u00dflich ein Angebot, zu helfen dann w\u00fcrde es mich wundern, wenn man davon leben kann.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Jetzt gibt es ja zum Beispiel auch noch eine andere Str\u00f6mung, die nennt sich Transformationsdesign. Sie umfasst zum Beispiel auch die Nicht-Gestaltung von Produkten. Wie denkst du als Designer dr\u00fcber.\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ja, das ist spannend f\u00fcr Studenten und Studentinnen. Ich kenne Idee von der\u00a0 Vermeidung von Design aus dem eigenen Studium. Das war in den 90ern ein gro\u00dfes Thema. Das ist jetzt auch schon mehr als zwanzig Jahre her. Also: die Vermeidung von Design gestalten. Klar brauchen wir nicht noch einen Stuhl und klar kann man \u00fcberlegen, wie notwendig das alles ist und wie es sich ersetzen l\u00e4sst und so weiter. Und das ist auch richtig. Aber es ist aus meiner Perspektive keine \u00dcberlegung f\u00fcr Designe.innenr. Weil es nichts zu gestalten gibt an der Vermeidung von Gestaltung.<\/p>\n<p>Wir als Designer.innen brennen ja eigentlich daf\u00fcr, Dinge zu gestalten und in die Welt zu entlassen. Wenn wir der Meinung sind, dass das nicht mehr n\u00f6tig ist, dann halte ich es f\u00fcr sehr empfehlenswert, das wir uns einfach einen anderen Beruf suchen. Einen, der sich mit etwas besch\u00e4ftigt, das wir f\u00fcr sinnvoller halten als die Gestaltung neuer Dinge.<\/p>\n<p>Aber solange man Designer.in ist, sollte man es f\u00fcr sinnvoll halte,\u00a0 Dinge zu machen und zu entwerfen. Und das ist ja \u00fcbrigens der Kern von Cradle to Cradle. Das finde ich so gro\u00dfartig. Wir sagen: \u201eEs geht nicht um Vermeidung und Verzicht, sondern es geht darum, mehr zu schaffen, f\u00fcr mehr Leute und mehr Bed\u00fcrfnisse \u2013 ohne Schaden anzurichten.\u201c Und das ist f\u00fcr uns Designer.innen gro\u00dfartig, weil wir dann wieder das machen d\u00fcrfen, was wir eigentlich gerne machen: n\u00e4mlich Sachen entwerfen und realisieren. Ich will nicht sagen, dass die Leute doof sind, die f\u00fcr den Verzicht oder die Vermeidung von Produkten sind. Ich finde es nur f\u00fcr mich beruflich irrelevant.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Inwieweit haben denn zum Beispiel aktuelle Diskussionen wie Ressourcenknappheit Einfluss auf die Arbeit bei euch, oder bei dir?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ressourcenknappheit hat massiven Einfluss auf meine Arbeit, weil das die Grundlage daf\u00fcr ist, \u00fcber Cradle to Cradle nachzudenken. Aber wir, wir als Konsument.innen, leiden ja nicht im Alltag unter Ressourcenknappheit. Wir entsorgen funktionsf\u00e4hige Fernseher auf der Stra\u00dfe, weil wir uns neue Flachbildfernseher kaufen. Nur weil wir einen neueren oder gr\u00f6\u00dferen haben wollen. Hier fehlt uns ein konkretes Gef\u00fchl, dass die Ressourcen knapp sind. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Deswegen passiert ja auch so wenig, weil es nicht wirklich erfahrbar ist, sondern nur intellektuell verstehbar. Und so ist es in meinem Beruf auch. Ich kann keine Kundin und keinen Kunden davon \u00fcberzeugen, eine Ressourcen schonende Ma\u00dfnahme zu ergreifen, weil es sich f\u00fcr sie nicht lohnt. Ich kann ihn nur mit anderen Argumenten \u00fcberzeugen. Moralischen. Und die sind am Ende leider nicht sehr stark.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Ihr arbeitet viel nach Cradle to Cradle. Inwieweit ber\u00fccksichtigt ihr das bei der Arbeit?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Bei weitem nicht so stark wie wir gerne w\u00fcrden. Wir versuchen Produkte einzusetzen oder die Mischung von Materialien zu vermeiden, aber wir sind sehr stark abh\u00e4ngig von dem Einverst\u00e4ndnis unserer Kund.innen. Sobald ein Produkt dadurch teurer wird, ist es zumindest schwierig. Es ist aber schon vorgekommen, dass sie trotz h\u00f6herer Kosten begeistert sind. Meistens aber nicht. Meistens haben die Kund.innen zu wenig Geld f\u00fcr das was sie wollen. Meistens m\u00fcssen wir alles so g\u00fcnstig wie m\u00f6glich hinkriegen, damit das Projekt \u00fcberhaupt realisiert werden kann. Dann geh\u00f6rt Cradle to Cradle zu den allerersten Dingen, die aus dem Budget fallen.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was w\u00fcrdest du sagen, steht bei euch im Mittelpunkt der Arbeit?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Bed\u00fcrfnis, mit den Mitteln unserer Kund.innen so gro\u00dfartige Entw\u00fcrfe wie m\u00f6glich zu realisieren.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Sucht ihr euch eure Projekte selber aus oder kriegt ihr gr\u00f6\u00dftenteils Auftr\u00e4ge?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Wir kriegen fast nur Auftr\u00e4ge. Wir haben ganz selten mal eine Eigenentwicklung, die wir dann versuchen zu vermitteln. Wir sind absolut darauf angewiesen, Kund.innen zu haben, die uns bezahlen. Eine Eigenentwicklung muss vorfinanziert werden. Das ist f\u00fcr uns als B\u00fcrobetrieb eine zu gro\u00dfe Belastung. Wir m\u00fcssen schlie\u00dflich einen gewissen Umsatz machen.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was hat euch denn dazu gebracht, nach Cradle to Cradle zu arbeiten?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Wie immer gibt es die guten und die nicht so guten Gr\u00fcnde daf\u00fcr und das Ergebnis mischt sich aus beiden. Es fing damit an, dass Carsten Buck mit meinem Compagnon Christian Sch\u00fcten befreundet ist. Er lernte fast zuf\u00e4llig Michael Braungart kennen und sagte zu Sch\u00fcten, er wollte dieses Ding machen: C2C-Workshops f\u00fcr Designer.innen \u2013 die gibt es extrem selten. Ich glaube, es gab nur zwei; also nach unserem wurde auch kein weiterer gemacht. Daran haben dann auch haupts\u00e4chlich Designer.innen anderer L\u00e4nder dran teilgenommen. Ich wei\u00df gar nicht wie viele Deutsche Cradle to Cradle Design Consultants es insgesamt gibt, wahrscheinlich sind es nicht mehr als zehn. Damals fragte Carsten Buck Christian Sch\u00fcten, ob er mitmachen wolle. Das ist kein ganz billiges Vergn\u00fcgen gewesen. Sch\u00fcten fragte mich ob er das machen soll und ich sagte: \u201eJa komm, lass uns das doch zusammen machen.\u201c<\/p>\n<p>Dann haben wir uns zu dritt, mit Carsten Buck, angemeldet. F\u00fcr mich gab es dann eine irre Situation als wir in der Kennenlernrunde sa\u00dfen. Die Moderator.innen fragten: \u201eAuf einer Skala von Eins zu Zehn, wie weit seid ihr schon vertraut mit dem Cradle to Cradle Konzept?\u201c Das fing \u2013 entsetzlicherweise \u2013 bei der Frau neben mir an und ging so von mir weg, sodass ich der Letzte war. Reihum sagten dann alle so, \u201eAuf einer Skala von eins bis zehn bin ich bei Drei oder bei Vier\u201c und eine hatte sich intensiv besch\u00e4ftigt, die sagte: \u201eSo Acht.\u201c Ich habe mich noch nie mit Cradle to Cradle besch\u00e4ftigt, ich wusste nichts. Ich dachte ich, wenn ich dann dran komme, sage ich \u201eEins\u201c. Dann kam aber Christian Sch\u00fcten, mein Compagnon vor mir an die Reihe: er habe da ein bisschen dr\u00fcber gelesen und sich vorbereitet, er w\u00fcrde sagen, auf einer Skala von eins bis zehn: Eins. Oh je! Ich wusste, dass er viel mehr \u00fcber Cradle to Cradle weiss als ich. Also, was sollte ich machen? Auf einer Skala von eins bis zehn war meine Besch\u00e4ftigung mit Cradle to Cradle bei Null! Peinlich.<\/p>\n<p>Aber als ich mich dann damit besch\u00e4ftigt hatte, war ich begeistert und mir wurde klar, warum. Wir waren schon einige Jahre Umweltberater der Stadt Hamburg. Ganz klassisch in der Idee von Ressourcenmanagement und nachhaltigem Design haben wir an einem Programm teilgenommen, um Hamburger Unternehmen zu beraten. Ich war mit dieser Rolle immer ungl\u00fccklich gewesen. Eigentlich haben wir eine Funktion zugewiesen bekommen, die \u00fcberhaupt nicht unseren F\u00e4higkeiten entspricht: irgendwie Ressourcen sparen. Die Erwartung war, dass wir die grandiose Idee haben, welche Schrauben man noch weglassen kann. Oder wir schlagen vor, die gleichen Schrauben an zwei unterschiedlichen Stellen einzusetzen. Oder wir sparen mit irgendwelchen \u201eBiomimicry\u201c-Techniken Materialst\u00e4rken ein. Oder wir substituieren Materialien. Das sind aber alles eher Fragen, die sich Ingenieur.innen oder Verfahrenstechniker.innen stellen sollten.<\/p>\n<p>Deswegen war ich so gl\u00fccklich mit Cradle to Cradle. Weil das Prinzip tats\u00e4chlich perfekt f\u00fcr Designer.innen ist, um die eigenen St\u00e4rken auszuspielen: neue Produkte zu entwickeln, Konzepte zu entwickeln, ganze Systeme zu entwickeln.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Gibt es etwas, das du anders machen wollen w\u00fcrdest an dem Konzept <\/b>Cradle to Cradle<b>?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm:? Ich glaube, dass es sich viel mehr mit der Bedeutung von Design besch\u00e4ftigen m\u00fcsste. Das tun sie nat\u00fcrlich nicht, weil die Akteure des Cradle to Cradle Naturwissenschaftler.innen sind. Aber ich glaube, dass sich tats\u00e4chlich am Design entscheidet, ob Cradle to Cradle funktionieren kann oder nicht. Das halte ich f\u00fcr wichtig und das fehlt.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was ist die Bedeutung von Design bei Cradle zu Cradle?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ich hatte eine Diskussion mit einem der Wissenschaftler.innen der EPEA, wo es darum ging warum ein bestimmtes Produkt wirtschaftlich nicht funktioniert. Er sagte: \u201eDieses Produkt ist super, das m\u00fcssen sie nur besser verkaufen und erkl\u00e4ren.\u201c Darauf habe ich gesagt: \u201eJa, aber wenn es sich nicht verkauft und nicht erkl\u00e4rt, dann ist es nicht super, dann funktioniert es ja nicht.\u201c Dann sagte er: \u201eNein, das ist nur eine Frage der Wahrnehmung, das Ding selber ist super.\u201c Qualit\u00e4t ist ja bei denen immer \u2013meiner Meinung nach ganz f\u00e4lschlicherweise\u2013 ein ganz wichtiger Begriff. Ich halte das f\u00fcr falsch, weil die Vorstellung von Qualit\u00e4t nicht stimmt. Also die Qualit\u00e4t ist gut, das Produkt ist \u00fcberlegen, man muss nur an der Wahrnehmung arbeiten. Da dachte ich: \u201eDas ist verr\u00fcckt, weil wir im Weltverst\u00e4ndnis eigentlich schon weiter sind.\u201c Ich habe dar\u00fcber sp\u00e4ter noch intensiver nachgedacht. Wie ich aus dieser Diskussion rausgekommen bin wei\u00df ich nicht mehr. Aber in der Folge habe ich \u00fcberlegt: \u201eEs ist verr\u00fcckt, dass ausgerechnet ein Wissenschaftler so argumentiert. Denn mit der ganzen Entwicklung der Quantenphysik sind wir da eigentlich dr\u00fcber hinweg, diese Trennung \u00fcberhaupt machen zu k\u00f6nnen. Es wird Einstein unterstellt, gesagt zu haben: \u201eFacts are facts but perception is reality\u201c und das fasst f\u00fcr mich ganz sch\u00f6n zusammen, worum es dabei geht. Worum es da auch beim Design geht. Es gibt keine Qualit\u00e4t, es gibt kein Produkt, es gibt keine Funktion abseits der Wahrnehmung des Produkts. Die Wahrnehmung ist das Produkt. Wenn es dir nicht gelingt, die Funktion wahrnehmbar zu machen \u2013ob diese Funktion jetzt Qualit\u00e4t ist oder dass Milch aufsch\u00e4umt oder dass man sich nicht vergiftet, wenn man es trinkt\u2013 wenn es dir also nicht gelingt diese Funktion wahrnehmbar zu machen, dann existiert sie nicht. Und das ist am Ende die Aufgabe vom Designer und der Designerin.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Bei Cradle to Cradle ist ja auch die Rede von einem positiven Fu\u00dfabdruck. Inwieweit k\u00f6nnt ihr als Designer etwas dazu beitragen?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Wenn du tats\u00e4chlich ernsthaft einen positiven Fu\u00dfabdruckes hinbekommen willst, dann ist ja die Voraussetzung, dass du es schaffst, etwas zu machen, das nicht nur keinen Schaden anrichtet, sondern dar\u00fcber hinaus noch Nutzen erzeugt. Im abstrakten Bereich von Funktion im Sinne \u201eSachen nutzbar zu machen oder besser nutzbar zu machen\u201c ist das eine Sache. Wenn du es jetzt tats\u00e4chlich im chemischen, weltlichen Bereich machen willst, dann brauchst du ein Zusammenspiel von Designer.innen, Ingenieur.innen, Naturwissenschaftler.innen und Unternehmer.innen. Ich glaube das kriegst du nur im Zuge eines ganzheitlich aufgesetzten Projektes hin.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was glaubst du, hat das f\u00fcr Auswirkungen auf die Gestaltung eines Produktes?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Massive Auswirkungen. Du kannst ein Produkt anders gestalten. Also: erstens musst du es sowieso\u00a0anders gestalten, wenn du es daf\u00fcr gestaltest, dass es\u00a0 in Einzelteile zerlegbar ist, die sich sortenrein trennen\u00a0lassen. Dann ist es nat\u00fcrlich spannend, inwiefern du dir das nutzbar machen kannst. Und du musst dir die Frage stellen, wie du das zerlegbare Produkt mit einem Wert aufladen kannst, der die Konsument.innen mit Stolz erf\u00fcllt, wenn sie es benutzen. Kannst du auch einen wirtschaftlichen Anreiz entwickeln, damit der Konsument oder die Konsumentin das ganze Produkt oder Teile davon in den Kreislauf zur\u00fcck gibt? Auch das ist ein Riesenthema. Nat\u00fcrlich hat es gestalterisch extreme Auswirkungen, wenn du nicht mehr haupts\u00e4chlich mit der Vermeidung von Materialeinsatz besch\u00e4ftigt bist oder mit der Verschlankung und Verd\u00fcnnung und \u2026Verleichterung von Materialien. Statt dessen \u00fcberlegst du, ob es auch schwerer sein darf, wenn es dadurch recyclebar wird. Das ist eine ganz andere Welt!<\/p>\n<p><b>Stammeier: Wie w\u00fcrdest du sagen, sieht aktuelles Produktdesign aus?<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Aktuelles Produktdesign leidet unter dem \u201eBlackboxing\u201c der Gegenst\u00e4nde, der Austauschbarkeit von Formsprache. Das ist in meinen Augen ganz deutlich. Durch die Verlagerung der ganzen Benutzerf\u00fchrung und Bedienungsanteile auf den Monitor, werden die Produkte ja zunehmend austauschbare Kisten. Du wei\u00dft ja nicht mehr, welche Kiste was macht. Ein Fernseher sieht aus wie ein gro\u00dfes Telefon, ein Telefon sieht aus wie eine Fernbedienung, die Waschbeckenarmatur sieht auch aus wie ein kleines Telefon. Das glaube ich, ist ein Problem. Das m\u00fcsste eigentlich besser hinzukriegen sein. Wir Produktdesigner.innen m\u00fcssten uns eigentlich mal ein bisschen am Riemen rei\u00dfen und das Feld nicht so leicht hergeben.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Woran das liegt es, dass sich das so entwickelt hat?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: An der Digitalisierung der Ger\u00e4tschaften. Vom Analogen ins Digitale wird alles zum Computer. Alle Computer sehen gleich aus. Ob da am Ende Wasser rauskommt oder Licht oder Essen ist dann nur noch eine Frage des Programms. So verlieren die Produkte, die Objekte selbst ihre Einzigartigkeit. Weil sie auch am Ende nicht einzigartig sind.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Wenn du jetzt an \u00f6kologisches Design denkst, was hast du da f\u00fcr ein Bild im Kopf, kannst du mir das beschreiben?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Wenn wir dar\u00fcber sprechen, wie das klassischerweise aussieht, habe ich diesen ungelenken Versuch vor Augen, \u00fcber nat\u00fcrliche Materialien Nachhaltigkeit vorzut\u00e4uschen.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Kannst du das n\u00e4her ausf\u00fchren?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Es gibt den M\u00f6belbereich; dort wird dann viel Holz, Stoffe oder Bambus verwendet. Dann sind alle der Meinung, so lange du einen nat\u00fcrlich nachwachsenden Rohstoff verwendest, bist du im Bereich des nachhaltigen und \u00f6kologischen Designs. Das kannst du auch den Kund.innen vermitteln. Ich finde das \u00e4rgerlich. Aus meiner Perspektive interessierst du dich in dem Moment gar nicht daf\u00fcr, dass du aus diesem nat\u00fcrlich nachwachsenden Rohstoff Sonderm\u00fcll produziert hast, indem du ihn mit Ponal verklebt hast. Du hast ihn komplett aus dem Kreislauf genommen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend w\u00fcrde ich sagen, wir haben diejenigen, die etwas als \u00f6kologisch verkaufen wollen und dann mit nat\u00fcrlichen Materialien und Beige-T\u00f6nen arbeiten. Und wir haben diejenigen, die ein \u00f6kologisches Produkt machen wollen und versuchen, es genauso wirken zu lassen wie alle Anderen. Aus Angst, in die Jute-Ecke der 80er Jahre zu geraten.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, wir haben die \u201eechten\u201c \u00f6kologischen Produkte, die nicht so aussehen wollen und die \u201efalschen\u201c, die so aussehen wollen. Und beide kriegen es nicht so richtig hin \u2013 obwohl es die Falschen nat\u00fcrlich besser hinkriegen. Das ist auch wieder ein Thema f\u00fcr uns als Designer.innen. Deswegen halte ich es f\u00fcr so wichtig, dass wir sagen m\u00fcssen: \u201eNein! Ihr k\u00f6nnt nicht ein besseres Produkt machen und dann so aussehen wollen wie die Anderen. Wenn ihr anders sein wollt \u2013n\u00e4mlich besser\u2013 dann m\u00fcsst ihr auch anders aussehen.\u201c<br \/>\nWir hatten das lustigerweise hier bei Fairphone (h\u00e4lt das Fairphone 2 in die Kamera). Sch\u00fcten und ich; wir sind im ersten Enthusiasmus auf die in Holland zugegangen. Dann sind wir zum Fairphone Open Design Bootcamp eingeladen worden. Da wurden erste Konzepte f\u00fcr die zweite Generation dieses Telefon entwickelt. Wir haben ganz lange genau \u00fcber den Punkt geredet, weil die immer sagten: \u201eJa das ist sozusagen ein Fairtrade, sozial verantwortliches Ger\u00e4t. Das ist genauso gut wie die anderen und soll dementsprechend auch genauso aussehen.\u201c \u201eDas kann nicht euer Ernst sein! Ihr seid nicht genauso wie die anderen. Ihr seid besser, ihr m\u00fcsst besser aussehen. Zuerst m\u00fcsst ihr anders aussehen und danach k\u00f6nnt ihr alles andere \u00fcberlegen.\u201c Ganz gl\u00fccklich bin ich damit, dass sich der Gedanke tats\u00e4chlich durchgesetzt hat. Obwohl es damals nicht so wirkte. Ich wei\u00df nicht ob du diese transparente R\u00fcckenabdeckung kennst. Wir haben damals gesagt (mein holl\u00e4ndischer Teamkollege und ich): \u201eWenn ihr so stolz auf die Innereien seid \u2013 dann seht doch zu, dass man die sehen\u00a0kann. Wir haben ein Modell gemacht mit durchsichtigem R\u00fcckenteil. Am Ende haben die das tats\u00e4chlich so \u00e4hnlich gemacht!<\/p>\n<p>Das ist das, was Designer k\u00f6nnen m\u00fcssen. Wenn du das Fairphone jetzt auf den Tisch legst, dann wei\u00df jeder, das Telefon ist anders als die anderen. Das ist wichtig! Das ist eine Design.innen-Leistung. Und das m\u00fcssen biologisch verantwortliche oder \u00f6kologisch verantwortliche Produkte k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen selber ihre St\u00e4rken kommunizieren, damit du keinen Flyer dran kleben musst um zu sagen, was an dem Produkt toll ist.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Was w\u00fcnschst du dir f\u00fcr die Zukunft?<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Ich w\u00fcnsche mir eine Generation von jungen Designern und Designerinnen, denen es gelingt, ihr Geld damit zu verdienen, unsere Produktwelt kreislauff\u00e4hig zu machen.<\/p>\n<p>Ich finde es super, wenn ihr euch schon w\u00e4hrend des Studiums mit den Themen besch\u00e4ftigt und mit dem Wissen rausgeht. Am Ende darf ein Kunde oder eine Kundin eigentlich gar niemanden mehr finden, der oder die ein Produkt entwirft, das nicht kreislaufwirtschaftlich funktioniert. Dar\u00fcber w\u00fcrde ich mich freuen. Dann hat der Beruf des Designers und der Designerin auch tats\u00e4chlich eine \u00dcberlebenschance. Das w\u00e4re unsere Chance wirklich relevant zu werden.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Siehst du da schon einen Wandel?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Pfromm: Bei den jungen Leuten, ja. Aber das muss ein fl\u00e4chendeckender Teppich von Designern und Designerinnen sein, dem nicht zu entkommen ist.<\/p>\n<p><b>Stammeier: Ich danke dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Interview f\u00fchrte die Designerin Britta Stammeier, f\u00fcr ihre Master-Arbeit an der FH Salzburg zum Thema &#8222;Denkhaltungen im Design und systembasierte Produktentwicklung am Beispiel eines Schuhkonzeptes&#8220;. Die Arbeit wurde im BestMasters Programm 2018 des Springer Verlags aufgenommen und ist bald als Print sowie Online Version erh\u00e4ltlich. 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